Die deutschen Handballer haben eine besondere WM vor sich. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Marius Becker/dpa)

Kaum waren die deutschen Handballer bei sommerlichen 27 Grad in Kairo gelandet, wurden sie noch auf dem Rollfeld zum ersten Corona-Test gebeten.

Bei der Weltmeisterschaft in Ägypten müssen Kapitän Uwe Gensheimer und seine Teamkollegen nicht nur sportliche Herausforderungen meistern, sondern auch mit ganz besonderen Bedingungen klarkommen. «Wir haben ein riesiges Ereignis vor uns und wollen möglichst viele Spiele gewinnen», sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer. «Es ist aber auch wichtig, dass im Vorfeld viele Fragen abseits des Sports zufriedenstellend beantwortet wurden.» Und Gensheimer ergänzte: «Alle haben Corona im Hinterkopf.»

Kurz nach der Landung brachte ein Sonderbus die streng isolierte DHB-Auswahl in ein Luxushotel unweit der weltberühmten Pyramiden von Gizeh. Das Fünf-Sterne-Haus bildet mindestens für eine Woche den Lebensmittelpunkt von Spielern und Trainerteam. Verlassen dürfen sie es nur, um zu trainieren oder die Vorrundenpartien gegen Uruguay, Kap Verde und Ungarn zu bestreiten.

«Ich habe mir schon eine Dartscheibe eingepackt», erzählte Rechtsaußen Tobias Reichmann. «Es sind auch verschiedene Gesellschaftsspiele eingepackt worden, so dass wir versuchen, so gut wie möglich die Zeit zu nutzen und nicht nur auf dem Zimmer rumzugammeln.»

Die deutsche Mannschaft wird im Erdgeschoss des Hotels wohnen, einige der Zimmerterrassen bieten einen Blick auf die Pyramiden. Andere Zimmer wiederum befinden sich direkt vor der hoteleigenen Poolanlage, «die wir aber nicht nutzen werden», wie Kromer betonte. Auch touristische Ausflüge sind vorerst tabu. Der Fokus liege auf dem Sport und der Gesundheit. «Man muss sich keine Sorgen machen, unseren Jungs wird’s gut gehen», versicherte der 44 Jahre alte Sportvorstand.

Das sogenannte Blasenkonzept war die wichtigste von vielen Voraussetzungen für die Durchführung des umstrittenen Turniers. Die WM in seinem Heimatland gilt als Prestigeprojekt des ägyptischen Weltverbandspräsidenten Hassan Moustafa. Trotz teils massiver Widerstände hat der 76-Jährige alles daran gesetzt, dass die Endrunde mit erstmals 32 Mannschaften stattfinden kann.

Immer wieder wurden in den vergangenen Wochen Bedingungen verändert und an die aktuelle Lage angepasst. Bis zuletzt hatte Moustafa noch davon geträumt, die Spiele zumindest vor einigen wenigen Zuschauern durchführen zu können. Dieser Plan scheiterte kurzfristig, nachdem etliche Spieler aus Europa massive Bedenken geäußert hatten.

Sorgen machen sich viele Spieler und Funktionäre aber auch jetzt noch. Einige Bundesligisten befürchten, dass ihre Spieler mit Corona-Infektionen aus Ägypten zurückkehren, was zu weiteren Spielabsagen führen könnte. «Die angebliche Blase in Kairo ist ein Witz», kritisierte der Aufsichtsratschef vom HC Erlangen, Carsten Bissel, zuletzt in der «Süddeutschen Zeitung».

Moustafa versteht die Bedenken. «Mit dem Covid-19-Vorsorgeplan für Ägypten 2021 wurde jedoch ein Dokument ausgearbeitet – und kontinuierlich aktualisiert und verbessert –, das allen Beteiligten Bedingungen gewährleisten soll, die sicherer nicht sein könnten», sagte er der «Handballwoche».

Der Plan sieht unter anderem vor, dass die deutschen Spieler in Ägypten mindestens alle zwei Tage auf Corona getestet werden. Anfangs sollen sogar täglich PCR-Tests erfolgen. «Die Labore in Ägypten arbeiten sehr, sehr schnell zu», sagte Kromer. «Entgegen dem Standard in Deutschland kommen die Ergebnisse relativ schnell ans Team zurück, innerhalb von drei Stunden.»

Wird ein Akteur positiv getestet, soll er sofort isoliert werden. Um jederzeit besorgte oder infizierte Spieler aus Ägypten herausbringen zu können, hat der DHB sogar eigens für die WM einen Charterflieger geordert, der während des Turniers auf Abruf zur Verfügung steht. Sollten Spieler oder andere Mitglieder des WM-Teams positiv getestet werden, können sie sofort in die Heimat geflogen werden.

Trotzdem bleiben Fragen. Sollten bei den teilnehmenden Nationen Corona-Infektionen auftreten, könnte der WM-Spielplan wackeln. Schon vor dem Turnier sollen etliche Spieler der US-Nationalmannschaft Medienberichten zufolge positiv getestet worden sein. Auch beim deutschen Vorrundengegner Kap Verde gibt es demnach sieben Corona-Fälle. Zuvor hatte bereits Tschechien mehr als zehn positive Tests unter Spielern und Trainern gemeldet.

«Es wird auch Corona-Fälle bei dieser WM geben, wie es sie gesellschaftlich gerade überall gibt», sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Dennoch ist er zuversichtlich: «Das Risiko in einer funktionierenden WM-Blase ist nicht größer, als wenn Bayern München zu einem Champions-League-Spiel fliegt.» Ob das Konzept funktioniert, werden die nächsten Tage zeigen.

Von Nils Bastek und Eric Dobias, dpa

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